Sonne du bist schuld daran   –   Sommerfahrt 2009


  - ©Weinbacher Wandervogel

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Sonne du bist schuld daran … Ordensfahrt der Sturmgesellen

Und er hatte doch Recht. Obwohl es schon den ganzen letzten Tag geregnet hatte, war die Hoffnung noch nicht gestorben, als ich aus den noch unverglasten Fenstern des Rohbaus in Aydir schaute. Aber er hatte Recht behalten, der Wetterbericht: Starkregen den ganzen Tag. Heute sollte es doch losgehen durch die Bergwelt des Pontischen Gebirges in der Nordost Türkei. Trotz der Wassermassen, die uns von oben entgegen stürzten, marschierten wir los, was sollte man schon in einem verregneten Bergdorf anfangen?


Die Ponchos wurden ausgepackt und wir gingen los durch die grüne Hölle. Warum die sonst in vielen Teilen so karge Türkei in diesem Tal mit ihrer Pflanzenpracht nicht geizte war uns bei dem Wasserangebot nicht mehr verborgen. Das Ziel unserer Wanderung lag über 1000 Höhenmeter über uns, dort sollte es im Sommer bewirtschaftete Hütten geben. Ob der späte September noch dazu zählte konnten wir nicht klären, aber das wird schon irgendwie werden, dachten wir uns. Also rein in den Regen und weg mit der Bequemlichkeit. Auf unserem Weg das Tal empor waren wir die einzigen zu Fuß. Rings um uns Steilhänge, die man gar nicht bis zum Grad einsehen konnte, weil die Wolkenschicht so tief hing. Unzählige Wasserfälle stürzten die Hänge hinab und verschmolzen unten mit dem gewaltig donnernden Monster von Fluss, der unter allerlei Getöse große Steine mit sich riss. Die dunklen Umhänge, die wir als Schutz vor der Außenwelt über uns geworfen hatten, ließen uns dahin schreiten wie Menschen einer anderen Welt; und in der Tat hätten wir gerne einem Neugierigen geantwortet, dass wir aus Absurdistan kämen. Wie gesagt, bei diesem Wetter ist jeder Vernünftige daheim vorm Kamin. Wir kämpften uns also bergan, der Weg war manchmal mehr ein Bach, die Schuhe trieften und unter den Ponchos wurde man auf die Dauer auch feucht.


Auf halber Höhe zur angestrebten Alm stand ein einsames Haus aus dessen Schornstein Rauch kam, Wärme also, Trockenheit. Per Zeichensprache machten wir dem alten Besitzer der Holzhütte klar, dass wir nur kurz ein wenig Wärme tanken wollten. Nach ein paar Minuten mussten wir allerdings weiter, denn obwohl wir die Sonne kein einziges Mal sahen, sollte sie doch bald verschwinden, welch ein Hohn, dieser Gedanke. Mittlerweile war der anfängliche Galgenhumor von uns gewichen, es war nur noch Qual, die Guitarrenhüllen mit Wasser voll gesogen, die Schuhe Wasserklumpen, die mühsam von Pfütze zu Pfütze schleppte und das nasse Hemd klebte an einem nassen Poncho. Da uns der Aufstieg derweil in die Wolkendecke befördert hatte, war nicht mehr viel wahrzunehmen, außer dem dumpfen Grollen des brodelnden Flusses, den stetigen Prasseln des Regens und dem steinigen Weg. Kopf runter und durch. Nach endlosem Wandern erschienen in der Ferne Häuser, aber wir wurden weiter geschickt, hinter der nächsten Kurve sei die Hütte. Die nächste Kurve zog sich lange, sehr lange, aber doch erreichten wir ein Holzhaus mit einem Pensionsschild davor. Der grauhaarige Besitzer war sichtlich überrascht, dass sich bei diesem Wetter Leute zu Fuß zu ihm aufgemacht hatten, aber er reagierte prompt, stopfte soviel Holz er nur konnte und kochte türkischen Tee. Wir ließen uns entkräftet vor dem Ofen nieder, verschwanden unter riesigen Wolldecken und schlürften gierig den süßen Tee. Herrlich nach so einer Tortur. Der Abend war früh für uns zu Ende, nach einem warmen Essen und ein wenig Kommunikation von Max mit den heimischen Almbesitzern fielen wir erledigt in die Betten, schliefen auch sofort ein, während der Regen unermüdlich aufs Wellblechdach hämmerte.  


Am nächsten Morgen war die Überraschung groß, was gestern noch ein graubraunes Monster an Sturzbach war, dass sich gen Tal arbeitete und alles mit sich riss, war jetzt, im strahlenden Sonnenschein ein glasklarer, munter gurgelnder Bach an dessen Ufer gelbe Blümchen standen. Die Wolken, der Nebel, die Kälte, der Schatten, alles war verschwunden und die letzen Regentropfen der Nacht waren wenig oberhalb der Hütte als Schnee gefallen, leichtem Puderzucker. Jetzt war alles strahlend: der Himmel, die Sonne, die alles in einem gleißenden Licht erscheinen ließ, die schroffen Schneehänge und Eiswände, die über dem Ende des Talkessels thronten. Wir waren wiederbelebt, die Rucksäcke wie Federn geschultert und fort ging es im Sauseschritt. Die Alm ließen wir stracken Schrittes schnell unter uns und bald waren wir im frisch gefallenen Neuschnee unterwegs. Ab und zu schweifte der Blick zurück Richtung Schwarzmeer, wo immer noch die dichten Wolken hingen, aber wir waren darüber, frei, bester Laune und willig den Pass von über 3000 Meter zu überqueren. Das Kartenmaterial war zwar mangelhaft, aber in unserer Euphorie konnte uns das nicht stoppen. In Serpentinen, die wir selbst in den knietiefen Schnee spurten, ging es zügig dem Himmelblau entgegen. Schon bald war der Kamm in Sichtweite und wenig später war der Blick da ins Nachbartal. Aber das konnte unmöglich der Pass sein, es passte einfach nicht zu den Karten. Wir schauten uns noch mal intensiver um und bald stellten wir fest, dass wir ein Seitental zu früh abgebogen waren, eine Hochstimmung beim Wandern raubt einem häufig den kritischen Blick. Wir hatten uns verstiegen, aber an Höhe wollten wir nicht wieder verlieren. Wir entschlossen uns am Hang um die nächste Felsnase herum wieder in das Haupttal zu gelangen. Plötzlich war alles, was eben noch gut und schön war verschwunden, der vermeintliche Pass war nicht der Höhepunkt der Wanderung, sondern der Ort an dem wir merkten, dass wir uns verlaufen hatten, der Schnee, der eben noch ein wunderbares Hochgebirgsflair verstrahlt hatte, war zur anstrengenden Masse geworden, in der man bei jedem Schritt bis zur Kniebundhose einsank. Mit einem Mal war die Quälerei des Vortags zurück, nur diesmal unter höhnischer Sonne, die auch kein Freund mehr war, sondern uns gnadenlos die Gesichter verbrannte.


Unser Marsch, dem wahren Pass entgegen, führte uns am Steilhang entlang, der Schnee hatte es sich in Schuhen und Socken schon für uns ungemütlich gemacht und die Kuppe zwischen den zwei Bergen wollte nicht näher kommen. Der eigene Atem und das ächzen der Lederriemen des Rucksacks waren die einzigen Laute, die uns umgaben, kein Lüftchen, kein Vogel und schon gar kein Wort einer Unterhaltung waren bei dieser unerwartet eingetretenen Tortur zu vernehmen. Immer weiter durch den höher werdenden Schnee, wir sanken bis zum Oberschenkel ein, bei jedem Schritt. In den wenigen Pausen, die wir uns gönnten, wurden Zeitpunkte ausgehandelt, ab wann wir umdrehen würden, denn es war kein wirkliches Fortkommen zu erkennen. Und immer ging es weiter, dem Kamm entgegen. Die Erschöpfung war bei mir so groß, dass ich schon ab und zu Schwarz vor Augen sah, echtes Limit. Trotzdem wollten wir uns nicht von diesem Berg klein kriegen lassen, es war ein richtiger Kampf. Die letzte Rettung waren eine Packung Datteln, die unsere Verpflegung vor dem finalen Gipfelsturm waren, eine Stunde wollten wir versuchen den Pass zu erreichen. Dann plötzlich ging alles sehr schnell, ich kämpfte mich vorne durch, den Blick immer auf den nächsten Meter gerichtet und beim Aufschauen war der Pass auf gleicher Höhe. Unglaublich, welch ein Gefühl des Triumphes. Die letzten Meter waren sogleich im Lauf genommen und dann waren wir oben. Eine atemberaubende Stille und ein weites Bergpanorama umgaben uns, gemischt mit dem Erreichen eines Zieles, für das man den ganzen Tag gekämpft hatte - das war erhebend! Wir ließen mehrere Lieder in die Weite schallen und begaben uns enthusiastisch auf den Weg gen Tal.


Das eigentlich malerische Tal zog sich noch ziemlich lang, vorbei an einem tiefblauen, von Schneemassen gespeisten See, zahlreichen Wasserfällen, die die steilen Hänge säumten und mit einer weiterhin traumhaften Aussicht. Es war für uns allerdings eine Quälerei, der Aufstieg hatte Spuren hinterlassen und wir waren heilfroh, als wir unsere Füße wieder auf festen Untergrund setzen konnten, der Schnee war hinter uns und keiner wollte ihn noch mal zurück. Es dämmerte schon, als wir eine verlassene Almsiedlung fanden, die viele verfallene Hütten zu bieten hatte, aber eben auch eine, die groß genug für und sechs war, mit geräumiger Feuerstelle und kleinem Balkon. Leider konnten wir dieses wunderschöne Quartier nicht angemessen mit einer schönen Singerunde würdigen, weil wir erschöpft in unsere Schlafsäcke fielen, nachdem wir unsere nassen Kleidungsstücke über dem Feuer aufgehängt hatten. In die Müdigkeit hinein spürten wir noch unsere verbrannten Gesichter. Da wir aber viel zu kaputt waren, erahnten wir nicht, was die Sonne wirklich mit uns angerichtet hatte. Erst am nächsten Tag offenbarten sich Schneeblindheit, Lichtscheuheit und der Wunsch nach Schatten. Aber wie gesagt, dass war alles Schnee von morgen, wir schlummerten einen tiefen Schlaf.

Daniel

[Fotos]

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© 2001 - 2010 Weinbacher Wandervogel (Impressum), Kontakt: bund@weinbacher-wv.de, Letzte Änderung: 2010-01-16 21:44

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