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Weltfahrt: Über Nepal, Tibet und China nach Vietnam – 3. März 2002 |
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Liebe Freunde!
Es hat sich nun so gefügt, daß wir das Fahrtenglück wieder in der Gruppe erleben. Seit dem 27. Februar fahren wir zusammen mit Robert und Andreas aus unserem Bund durch Vietnam.
Um beim letzten Bericht anzuknüpfen. Pat und ich, auf unseren Höllenmaschinen durchfahren die waldbedeckten Hänge der südindischen Berglandschaft. Nach dem Erreichen des Meeres bei Calicut laden uns zwei junge Männer, die wir nach dem Weg fragen zu ihrem Yogakurs ein. So können wir endlich behaupten in Indien Yoga betrieben zu haben. Von der schweißziehenden Schwüle des Meeres aber führt uns der manchmal asphaltierte Weg wieder auf die Bergeshöhn, schon ist es so kalt, daß die Maschinen nicht mehr anspringen und wir jedesmal runterrollen um sie wieder in Gang zu bringen. Noch hat keine der alten Mühlen den letzten Keucher getan. In Tamil Nadu lebt die urindischen Bevölkerung, die Drawiden, die sich noch nicht mit den einst von Norden einstürmenden Ariern vermischt haben. Die Arier hatten damals einen solchen Eindruck auf die indische Bevölkerung gemacht, daß diese sie ehrfürchtig "Adlige" (Arier) nannten. Diese nutzten die Situation, indem sie den Glauben an ihre Überlegenheit schürten und das Kastensystem, in dem sie die Brahmanen, also die Priester, waren, nach und nach etablierten. So ist der Hinduismus hier auch noch stärker von naturergebener Frömmigkeit geprägt, hier essen die Leute, selbst die meisten Buddhisten und Christen, kein Fleisch.
Wir erreichen diesen Staat gerade zur Erntezeit, als das Fest Pongal gefeiert wird. Vor unseren Rädern werden Kühe mit buntbemalten Hörnern durch das Dorf gehetzt und die Bewohner wissen auf einmal nicht, wem sie mehr Aufmerksamkeit schenken sollen, den Kühen oder uns. Im ganzen Land sind verfallene oder frisch bemalte Tempel am Straßenrand oder versteckt hinter dem Gestrüpp zu sehen. Jedesmal überkommt mich der Eindruck ein Zeitreisender zu sein.
Schließlich erreichen wir ein von deutschen Schwestern gegründetes Leprakrankenhaus und beobachten sie zwei Tage bei ihrer spannenden Arbeit. Unser Weg zurück nach Bombay führt über Hyderabad, der mehrheitlich moslemischen Stadt, und Nagpur. Wieder im Stadtsumpf versuchen zwei Südindienerfahrene ihre um 6000 km schwereren und bald auseinanderfallenden Maschinen an den Mann zu bringen. Diesmal beherbergt uns das noch weitgereistere Pfarrerehepaar Heine in seinem Appartement für die vier Tage, die der Verkauf in Anspruch nimmt.
Jetzt heist es die Fersen ölen und den Weg nach Vietnam bestreiten. Wir entschließen uns über China dorthinzugelangen, da Myanmar (Burma) sich Landreisenden verschließt. In Neu Delhi sind die Visa für Nepal, China und Vietnam schnell besorgt, schließlich setzen wir auch unseren Fuß in das erstgenannte Land.
Sogleich sind wir eingenommen von der von allen Richtungen des Raumes drängeden Landschaft. Die Nepalesen überraschen uns mit ihrer erwartungslosen Freundlichkeit. Kathmandu erweist sich trotz der vielen Touristen und des auf sie ausgerichteten Handels und Wandels als entspannend. Unsern Plan, alleine nach Tibet vorzustoßen, kommentieren die Ansäßigen mit einem Kopfschütteln. Wir versuchen es dennoch. Bis auf die vielen Kontrollen auf den Straßen des Landes, daß sich wegen maoistischer Terroristen im Ausnahmezustand befindet, scheint es gut zu gehen. Als einige der ersten an diesem Morgen überschreiten wir die erst seit den Achtzigern für Ausländer offene Grenze. Schon sind wir die ersten 10 Kilometer getrampt, da zeichnet sich das Gesichter zur Fratze erstarren lassende Bild eines zweiten Grenzpostens ab. Der junge Oberleutnant ist sogar des Englischen mächtig. Doch wohl leider auch firm, was die derzeitigen Einreisebestimmungen anbelangt, in seinen Augen leuchten keine Geldscheine, unsre lockren Dollar stecken wir verlegen wieder in den Geldbeutel. Wir müssen uns eingestehen, daß wir nach Kathmandu zurückkehren.
Dort kaufen wir uns dann für viel Geld in eine organisierte Reise nach Tibet ein. Endlich geht es auch los, diesmal grüßt uns derselbe Offizier augenzwinkernd. Wir fahren mit dem Geländewagen über für uns unglaublich erscheinde Höhen, bald schon fällt uns das Atmen schwer. Auf über 5000 Meter klettert das Fahrzeug und damit unsre Anspannung. Die Landschaft ist gleich wie der Sternenhimmel weit. So hoch war ich noch nie. Und so weit von zu Hause wie jetzt fühlte ich mich noch nie. Die Einsamkeit, die Größe, in der sich hier die Schöpfung offenbart, hat diesem alten Volk jene rührende Demut geschenkt. Nun wollen sich die Chinesen als Herren des Landes sehen, irgendwann aber werden sie eingestehen, daß sich dieses Land der Ehrfurcht nicht des Hochmutes, der Ergebenheit, nicht der Gewalt hingibt.
Die Tibeter aber lernen vom Feind, wie es die alten buddhistischen Lehren aus Erfahrung berichten. Sie sehen ihr jetziges Leid als vernachläßigbare Größe, da sie in Äonen nicht Generationen denken, ihnen schwebt das Ziel vor, das notgedrungen irgendwann einmal erreicht wird, und in ihrer Unbeirrbarkeit sehen sie auch die Zuckungen der Maoisten auch nur als ein Schritt dahin.
Nach Lhasa, das nurmehr eine in Büchern, nicht in der Wirklichkeit zu suchende Größe ist, schwingen wir uns über Chengdu nach Kunming. In dieser schönen Stadt haben wir schon längst vergessen, daß wir uns im Kommunismus befinden. Hier blüht der Kommerz und mit ihm sein siamesischer Zwilling der Konsum. China ist reich scheint die Produktpalette zu verkünden. China ist sauber scheint die Fußgängerzone, scheint der Park zu bedeuten. Der Gestank in den Vororten, durch die der Zug uns führt und die Erinnerung an das von Chinesen verwaltete Tibet mischen sich als gern verdrängter Beigeschmack darein.
Im diesigen Morgendunst überschreiten wir die Freundschaftsbrücke zwischen dem Reich der Mitte und Vietnam. Beides kommunistische Länder, und, oh ferne Theorie, sie bekriegten einander doch. Hanoi erreichen wir noch am Abend. Am folgenden Morgen erspähen wir Andreas und Robert am vereinbarten Treffpunkt am See. Wir liegen uns in den Armen und scheinen uns aber gestern erst gesehen zu haben. Schon wird zaghaft die alte Bande durch sorgfältige Fragen und gespielt lässiges Zuhören wieder gebunden. Wie schön ist doch dieses Wiedersehen.
Horridoh
Frederic und Pat
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